Reichssaal im Alten Rathaus

Michael Schneider

Ein altes Gemäuer mit vielen Funktionen

Die Geschichte des Reichssaals geht schätzungsweise bis auf den Zeitraum 1320-1330 zurück, auf den er aus stilgeschichtlichen Gründen datiert wird. Auch Aspekte der Stadtgeschichte sprechen dafür. So könnten die ab 1314 häufig stattgefundenen Besuche Kaiser Ludwigs des Bayern (1282-1347) die Stadt zu dieser Bauentscheidung motiviert haben. Ursprünglich ein frei stehendes Gebäude, kam es mehrmals in der Geschichte des Reichssaales zu Veränderungen. 1408 wurde mit dem gotischen Schmuckportal eine neue Zugangssituation geschaffen und 1564 entschied man sich aufgrund statischer Probleme zu einem Neubau aus Stein, was die architektonische Entwicklung des Baus abschloss. Genutzt wurde der Reichssaal für städtische Festivitäten, Huldigungen, Krönungsbankette, besonders aber für ausgewählte Sitzungen des Reichstages, der ab der Mitte des 16. Jahrhunderts und ab 1594 dauerhaft hier tagte.

Altes Rathaus von Südwesten aus (mit dem für Huldigungen in der ersten Hälfte der Frühen Neuzeit genutzten Erker und dem gotischen Portal) (Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg)
Matthäus Merian: Das Rathauß sampt dem Marcktthurn zu Regenspurg, Kupferstich, 1644, Graphikantiquariat Koenitz, 00112931

Der Kupferstich des Alten Rathauses von Matthäus Merian aus dem Jahr 1644 dokumentiert den Zustand des Alten Rathauses in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Auch der bis 1706 existente Marktturm (rechts) zeigte mit dem Doppeladler mit Mitrakrone neben dem Regensburger Stadtwappen Reichsikonografie. Beim Großen Christentag von 1471 rief die Glocke des Marktturmes die Reichstagsteilnehmer zusammen.

Symbolisches Zentrum des Reiches

Damit gewann der Reichssaal nicht nur an Bedeutung, sondern er spiegelte in seiner Ausgestaltung die innere Ordnung des Reiches. Anhand der Sitzordnung der Reichsstände zeigte sich die hierarchische Struktur des Reichstags mit seinen drei Reichstagskurien. Sowohl der Sitzort als auch dessen Stufenhöhe dienten dabei als Indikatoren für den sozialen Stand. So saß der Kaiser oder sein Stellvertreter in der Mitte am Kopfende des Saals auf einem vierstufigen Podest unter dem Hoheitszeichen des Baldachins. Flankiert wurde er von den um zwei Stufen erhöht sitzenden Kurfürsten. An den Längsseiten nahmen um eine Stufe erhöht die weltlichen (links vom Kaiser aus gesehen) und geistlichen Fürsten (rechts) Platz. Am weitesten vom Kaiser entfernt saßen auf Bänken ohne Erhöhung und hinter einer Schranke die Reichsstädte als niederster Stand.

Paul Fürst: Sitzordnung im Reichstag, Einblattdruck, Historisches Museum der Stadt Regensburg, G 2008/15

Der Kupferstich zeigt die Sitzordnung bei der Eröffnung des Reichstags von 1653 mit den Reichsstädten vorn rechts und Zuschauern vorn links. Alle Reichsstände sowie auch spezifisches Reichstagspersonal sind durch Nummern mit einer unter dem Stich abgedruckten Legende identifizierbar. Erkennbar sind in der Mitte auch die fünf kaiserlichen Herolde mit ihren Wappenröcken und die großformatigen Tapisserien mit Audienzszenen an der westlichen Saalwand.

Die Entwicklung des Reichstages zu Regensburg

Bereits die karolingischen, ottonischen oder staufischen Kaiser wie Friedrich I. Barbarossa (reg. 1152-1190) hatten Hoftage in Regensburg abgehalten. Auch im Spätmittelalter fanden unter den Habsburgern mehrere Hoftage in Regensburg statt, so etwa der erste Türkenreichstag 1454-1455 oder der „Große Christentag“ von 1471, die beide auf die Abwehr der seit 1453 verstärkt ins Bewusstsein Europas gerückten Türkengefahr zielten. Ab 1556/57 wurde Regensburg zunächst vermehrt, ab 1594 exklusiv zum Austragungsort der Reichstage. Diese Entwicklung leitete sich von der günstigen Lage der Stadt an der Donau, den zahlreich vorhandenen Unterkünften sowie der dort vorhandenen konfessionellen Zusammensetzung ab, die allen Reichsständen die Ausübung ihres Bekenntnisses erlaubte. 1663 kam es dann zum letzten Entwicklungsschritt, nachdem der in diesem Jahr einberufene Reichstag aufgrund anhaltender Streitfragen nicht mehr aufgelöst und so zum Immerwährenden Reichstag wurde, der bis zum Ende des Reiches um 1806 bestehen blieb, auch wenn dieser seine Struktur durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 grundlegend veränderte. Aufgrund der Permanenz des Reichstags wandelte sich dieser zu einem Gesandtenkongress, an dem die Stände und der Kaiser nicht mehr selbst teilnahmen. Die vormals in Reichsabschieden festgehaltenen Beschlüsse eines Reichstages wurden nun als Reichsschlüsse bezeichnet.

Reichssaal Erker (Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg)

Der Erker der Ostwand des Reichssaals zeigt prächtige Reichssymbolik: Doppeladler mit Mitrakrone und Reichswappen im Brustschild, umgeben von der Ordenskette des Goldenen Vlieses, gerahmt von Herrschertugenden wie z. B. Wachsamkeit, Klugheit und Gerechtigkeit und Putti mit Reichsinsignien

Reichssaal (Foto: Bildokumantation Stadt Regensburg)

Im Reichstagssaal im Alten Rathaus in der heutigen Ausstattung befindet sich der bei kaiserlichen Einzügen genutzte Baldachin mit Doppeladler und habsburgischem Wappenschild. Reichsikonographie findet sich aber auch in zahlreichen anderen Elementen wie gemalten Kaisermedaillons oder Reichswappen in Fenstern, Mobiliar und auf Wänden

Vormoderner Föderalismus als Bindeglied zur Bundesrepublik

Zwar mag der Reichstag auf den ersten Blick beinahe parlamentarisch wirken sowie aufgrund seines Namens Verbindungen zum Bundestag vermuten lassen, doch trifft diese Charakterisierung nicht zu. Denn es handelte sich um ein nicht durch Wahlen legitimiertes Organ. Seine Vertreter repräsentierten auch nicht das Volk, sondern die Reichsstände. Ausgeschlossen waren auch Reichsritter oder Bauern. Vielmehr sind es die föderalen Strukturen des Reiches, die bis heute die Ordnung in Deutschland und auch der EU prägen. Denn das Heilige Römische Reich zeichnete sich durch ein vergleichsweise hohes Maß an politischer Mitbestimmung der Reichsstände aus, die über eine Reihe von Privilegien auch Souveränitätsrechte besaßen, die im Verlauf der Frühen Neuzeit noch zunahmen, während sie andernorts in Europa im Zeitalter des Absolutismus eher abnahmen.


Literaturhinweis

Alois Schmid: Von der bayerischen Landstadt zum Tagungsort des Immerwährenden Reichstages, in: Dieter Albrecht (Hg.): Regensburg – Stadt der Reichstage. Vom Mittelalter zur Neuzeit, Regensburg 1994, 29- 43.

Eugen Trapp: Kommunale Repräsentation und nationale Erinnerung. Zum Umgang mit dem Regensburger Reichssaal, in: Denkmalpflege in Regensburg Bd. 11, Regensburg 2009, 83-118.

Matthias Schnettger: Kaiser und Reich. Eine Verfassungsgeschichte (1500-1806), Stuttgart 2020.

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